

WARUM ALAN NICHT RADFAHREN SOLL
Die Alan Jones Story
Abgetreten war er stilvoll. Die beiden Comebacks bei Arrows 1983 und Beatrice Lola (1985 & 1986) verliefen dagegen auf bescheidenerem Niveau. Alan Jones, Weltmeister 1980 im Williams Ford beendete im folgenden Jahr in Las Vegas mit einem Sieg einstweilen seine Laufbahn, den Lorbeerkranz auf dem Kopf wie der Sieger eines römischen Wagenrennens und den neuen Weltmeister Nelson Piquet in die Arme nehmend, um dann in seine Heimat Australien zurückzukehren.
Er ist der Sohn des berühmten Rennpiloten und Automobilunternehmers Stan Jones, der in den fünfziger Jahren fast so populär war wie Sir Jack Brabham, lernte in den diversen Betrieben seines Vaters den Beruf des Automobilkaufmannes, ehe die Unternehmen pleite gingen, um später ein Architekturstudium erfolgreich abzuschliessen. Nach England gekommen ist er mit Gattin Beverly und einem Kumpel dennoch fast wie ein Rucksacktourist. Das Geld war stets knapp in jenen frühen Anfängertagen, so dass Jones ein kleines Gasthaus und einen Handel mit Motorhomes aufzog. Viel konnte da wohl nicht herausgekommen sein, denn "wir bezahlten die Schulden der einen Kreditkarte mit einer anderen. Ich war ein Biest von einem Ehemann, und wir sprachen ein paar Mal von Scheidung," wie er sich später erinnern wird. Da war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere, und als er da einmal eine Stereoanlage kaufen wollte, feilschte er folglich um etwas Rabatt - und brachte den hochdotierten AKAI Sponsorvertrag gleich mit. Endeckt für die Formel 1 hat ihn Rob Walker, der ihn Anfang 1975 zusammen mit seinem Partner Harry Stiller in einem privaten, natürlich dunkelblauen, Hesketh Ford einsetzte, ehe ihm Graham Hill das Cockpit des in Barcelona wegen Heckflügelbruchs in Führung liegend verunglückten Rolf Stommelen anbot, der bis zu Saisonmitte seine schweren Knochenbrüche ausheilen musste. Als Jones in einem Surtees Ford im Race of Champions 1976 den angehenden Weltmeister James Hunt über die Hälfte der Distanz so gnadenlos vorführte, löste allenfalls der Sponsor des Autos, der Kondomhersteller Durex, bei der Konkurrenz eine Welle der Entrüstung aus, denn von Aids war noch nicht die Rede - der Durchbruch kam hier ebenso wenig, wie beim ersten Grand Prix Sieg in Zeltweg 1977, wo Jones auf dem Shadow Ford, dessen Cockpit er von dem in Kyalami des gleichen Jahres getöteten Tom Pryce übernommen hatte, sogar Niki Lauda im Ferrari schlug.
Frank Williams hatte sich in jenem Jahr gerade von Walter Wolf getrennt, sich reorganisiert und seine berühmt gewordenen arabischen Sponsoren verpflichtet, um für 1978 ein eigenes Auto zu bauen, für das er Jones unter Vertrag nahm. "Unser Glück war, dass niemand vor uns bemerkte, wie gut Jones wirklich war," schwärmen er und sein Technischer Direktor Patrick Head bis in die Gegenwart.
Doch diesen Alan Jones zog es während der Saison 1981, überdrüssig der Flügelwagen und seines ungeliebten Teamkollegen Carlos Reutemann, der sich im Gegensatz zu Jones-Freund Clay Regazzoni als dessen Vorgänger nicht immer loyal verhielt, aber vorallem müde der vielen Auslandsreisen, immer stärker nach Melbourne, auf die Farm mit seinen unzähligen Schafen und den vielen Windmühlen, wo er, in Bermuda-Shorts und barfuss schon morgens eine Dose Foster´s trinken konnte, ohne mit den arabischen Sponsors in Konflikt zu geraten. Einmal beobachtete ich einen Williams-Mechaniker, wie er in der vorn im Transporter befindlichen Eisbox solange wühlte, bis er unter den ersten Schichten von Cola- und Fanta-Dosen endlich ganz unten Bier fand, sich sorgfältig umdrehend, ob ihn nicht einer der Araber zufällig wahrnahm, auch wenn sich der mächtige TAG-Chef Mansour Ojieh sogar im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL dazu bekannte, gelegentlich ein Glas Wein zu trinken - Jones war inzwischen diskret im Camp des Arrows-Sponsors Warsteiner, einer grossen deutschen Brauerei, verschwunden.
Jetzt, da er endlich wieder zur Ruhe gekommen schien, begann für Jones eine Reihe von kuriosen, aber nicht ungefährlichen Zwischenfällen, bei denen er sich heftiger verletzte, als in den 20 Jahren seiner Rennkarriere, in denen er nicht die geringste Blessur davontrug. Neben den obligatorischen Einsätzen in der Australischen Tourenwagenmeisterschaft und sporadischer, recht locker praktizierter Tätigkeit im Büro, pflegte Jones das Hobby der Jagd. Auch dies natürlich in gewohnt lässigem Stil, denn als er eines Tages sein Gewehr an einem Baum lehnte, war die Waffe zwar geladen, aber nicht gesichert, so dass sich ein Schuss löste und Mr Jones fortan eine Fingerkuppe fehlte.
Ein anderes Mal versuchte der Herr des Hauses auf dem Fahrrad die umfangreiche Arbeit seines Gärtners zu inspizieren, bis ihm dieser entgegenkam, auch auf dem Rad und natürlich auf der falschen Seite, was eine Frontalkollision und Rippenbrüche zur Folge hatte.
Schliesslich war da noch ein Pferd namens Jimmy, das den Lenkbewegungen seines Masters bisweilen nur widerwillig Folge leistete, denn eben jenem Tier verdankt Jones einen komplizierten Oberschenkelbruch und diverse Nägel im Bein. Aber Jones hatte, 1980 in Buenos Aires, ja auch einen der lustigsten Boxenstops, als die Mechaniker eine Plastiktüte aus einem der Kühlerschächte entfernen mussten, der Australier als erster seit Dan Gurney in Spa 1967 im Eagle Weslake trotz Halt gewann, ehe Gordon Murray die Pit Stops Mitte der achtziger Jahre fast obligatorisch machte. Andere hatten dieses Glück nicht. Bei Carlos Pace entfernten die Brabham-Mechaniker einmal einen Schraubenschlüssel, der im Fussraum vergessen worden war und sich zwischen den Pedalen verklemmt hatte. Bei Riccardo Patrese mussten sie an gleicher Stelle eine herumrollende Trinkflasche hervorholen, und bei Denny Hulmes CanAm-McLaren fand man zwischen der Pedalerie gar eine zusammengedrückte Cola-Dose. Gleichfalls Hulme war es, bei dem sich in Zeltweg bei 230 km/h das Lenkrad löste, weil es Teamchef Teddy Mayer nach einer Demonstration vor Journalisten nicht richtig hatte wieder einrasten lassen. Aus dem Cockpit von Clay Regazzonis Ensign Ford holten die Mechaniker in Jacarepagua einmal eine hochgiftige Schlange, die sie mit einem Hammer erschlugen. Und Ronnie Peterson konnte 1975 auf der 22,8 Kilometer langen Nordschleife des Nürburgrings nur dadurch an die Boxen zurückkehren, weil ihm ein Bewohner eines anliegenden Dorfes nach Spritmangel mit einem 10 liter-Reservekanister aushalf.
Bliebe nur noch zu erwähnen, an welcher Panne bei Alan und Beverly Jones die Adoption eines zweiten Kindes gescheitert war, nachdem sie ihren Adoptivsohn Christian "mit Eiern und viel rohem Fleisch" aufgezogen hatten. Denn an jenem Tage, als die zuständige Beamtin des Jugendamtes daheim bei Beverly anwesend war, um den Haushalt zu überprüfen und die Formalitäten zu erledigen, da betrat Mr Jones, schwankend und mit einer blutenden Wunde am Kopf, offiziell von einem Geschäftsessen kommend, die Wohnstube, was besagte Dame zu der kritischen Frage veranlasste: "Ist Ihr Ehemann eigentlich Alkoholiker ?"
Klaus Ewald
Graphics: project * 2000

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