

DIE GOLDENE 10
Spa-Francorchamps ist Michael Schumachers Wohnzimmer
Was Wimbledon für Boris Becker bedeutet, ist der Welt längste und fordernste Grand Prix Strecke, der Kurs von Spa-Francorchamps in den belgischen Ardennen, für Michael Schumacher: Es ist sein Wohnzimmer. Von Köln aus braucht man über die Autobahn gerade mal eine Stunde - was seit 2002 auch für das Team von Toyota gilt. Wie bei seinem Debüt als Wunderkind 1991 in einem froschgrünen Jordan Ford fuhr Michael Schumacher auch diesmal am Donnerstag eine Runde mit dem Mountainbike. Zum zehnjährigen Jubiläum als Grand Prix Sieger machte er sich selbst ein richtig schönes Geschenk: Mit dem zehnten Saisonsieg ist er jetzt auch alleiniger Rekordhalter vor dem legendären Briten Nigel Mansell mit 9 Erfolgen per Jahr. Michael Schumacher führte in Spa 2002, von der Pole Position aus gestartet, (mit Ausnahme der beiden regulären Boxenstops in den Runden 15 und 30) vom Start bis ins Ziel und fuhr im Rennen auch die schnellste Runde. Sein 63. Grand Prix Sieg war zugleich der sechste in Belgien, wo er 1994 einmal als Sieger sogar disqualifiziert worden war, weil die Bodenplatte des Benetton Ford nicht dem damaligen Reglement entsprach. Einige Wochen später wurden die Regeln geändert, nach heutigem Recht gibt es den Grund für die Disqualifikation gar nicht mehr. Michael Schumacher korrigiert 2002 alle 14 Tage die Rekordzahlen nach oben, bei den Statistikern rauchen die Köpfe, qualmen die Computer. In Spa fuhr der Deutsche seinem Teamkollegen Rubens Barrichello zeitweise bis zu 30 Sekunden davon und kam zum 19. Mal hintereinander mit Punkten ins Ziel. Das Wort Ausfall kommt bei Michael Schumacher schon lange nicht mehr vor, doch in seinem ersten Ferrari-Jahr 1996 hatte er wegen der vielen technischen Defekte enorm viel Gras gefressen, was viele Leute längst vergessen haben. "Perfekt gemacht, perfekt gefahren. Ferrari fährt in einer anderen Liga," ist Niki Laudas Bilanz nach dem belgischen Grand Prix 2002.
Erstmals seit Melbourne hatte Jaguars legendärer Teamchef wieder Grund zur Freude. Seine Piloten Irvine und de la Rosa qualifizierten sich im vorderen Mittelfeld, der Nordire holte nach hartem Kampf mit Mika Salos Toyota endlich wieder einen Punkt. Das Problem des Jaguar R3 ist, nach Modifikationen an der Aerodynamik und den Aufhängungen, offen zu Tage getreten: Das Monocoque-Chassis verwindet sich, aber dieser Fehler ist, wie Lauda einräumt, drei Rennen vor Saisonende nicht mehr zu korrigieren. In Spa brach bei de la Rosa am Ende der Kemmel-Geraden, wo der Strassenkurs in den permanenten Streckenteil übergeht, sechs Runden vor Rennende rechts hinten die Radaufhängung, weil vermutlich wieder eine Klebestelle zwischen einem Titan- und einem Kohlefaserteil aufgebrochen war. Lauda was not amused.
Der typische Defekt in Spa 2002 waren jedoch, quer durchs ganze Feld, ziemliche viele Motorschäden, die im Rennen Olivier Panis (BAR Honda), Giancarlo Fisichella (Jordan Honda), beide Renault von Jarno Trulli und Jenson Button, Felipe Massa (Sauber Petronas) und Kimi Räikkönen (McLaren Mercedes) betrafen. Zwei Honda-Motoren waren schon (bei Panis und Sato) im freien Training explodiert, in der Qualifikation musste Panis (der zuvor für zwei Jahre von Toyota verpflichtet worden war) erneut aus gleichem Grunde stoppen. Vor Les Combes laufen die Motoren lange unter Vollast, oben auf dem Berg fliegen sie dann in die Luft, weil die Schmierung nicht mehr richtig funktioniert. Fünf Runden vor Rennende zog Giancarlo Fisichella sekundenlang eine riesige Feuerwand hinter sich her.
Toyota erneuerte den Vertrag mit dem Schotten Allan McNish für 2003 nicht mehr und zahlt auch Mika Salo aus. Der Finne beendet seine Karriere, Testpilot möchte er keiner mehr werden. Das wird Felipe Massa bei Sauber wohl müssen, denn sein Cockpit übernimmt Heinz-Harald Frentzen, der wie der andere Sauber-Pilot Nick Heidfeld ebenfalls aus Mönchengladbach kommt. In der Nachbarstadt Köln sucht Teamchef Ove Andersson von Toyota noch nach einem jungen Dingo.
So einer ist Kimi Räikkönen schon. Der junge Finne, der 2001 bei Sauber Petronas direkt von der Formel Renault in den Grand Prix Sport aufstieg (ohne jemals ein Formel 3-Cockpit von innen gesehen zu haben), ist schweigsam, schnell, aber leider auch noch ziemlich wild. Im freien Training am sowohl am Freitag als auch am Samstag Schnellster, verpasste er in der Qualifikation die Pole Position nur knapp, weil er in seiner besten Runde unnötig in den Schmutz hineinfuhr. Im Rennen hatte erst einen schlechten Start (bei dem er von Rubens Barrichello überholt wurde), dann einen halben Dreher, durch den er wenig später Platz 3 an Juan Pablo Montoya im Williams BMW verlor, bevor in Runde 36 der Motorschaden kam. Teamkollege David Coulthard wurde Vierter, bei McLaren Mercedes hatte man sich mehr erwartet. Bei Williams BMW war man da realistischer, die Plätze 3 und 5 (Ralf Schumacher) sah man durchaus als Erfolg. Kaum in Erscheinung traten in Spa weder in der Qualifikation noch im Rennen die beiden Sauber Petronas von Heidfeld und Massa. Teamchef Peter Sauber, normalerweise bekannt für seine präzisen Analysen, wusste auch keine Gründe. Arrows war im Gegensatz zu Ungarn zwar nach Belgien gekommen, packte seine Ausrüstung aber schon vor dem Start wieder zusammen. Von dem mysteriösen US-amerikanischen Investor wurde im Fahrerlager zwar viel erzählt, zu sehen aber war er nicht.
Die klassische Naturrennstrecke von Spa-Francorchamps präsentierte sich in einigen Teilen modifiziert, es gab neue Auslaufzonen aus Asphalt, eine etwas kontroverse neue Boxeneinfahrt und einen flüssigeren Ausgang der Bus Stop-Schikane. Die Boxen selbst sind inzwischen viel zu klein geworden, seit ihrer Errichtung im Jahr 1983 sind sie kaum verbessert worden.
Michael Schumacher hat es sich, in seinen eigenen Worten, auf der Couch in seinem Wohnzimmer wieder so richtig gemütlich gemacht. Der grösste Superstar der modernen Sportwelt wird umso lockerer, je mehr er alle Rekorde in das Unerreichbare verschiebt. Mit der permanenten Medienpräsenz geht er souverän und mit viel Humor um. Das war nicht immer so. Vor einigen Jahren hatte er die Nase voll von all dem Rummel. Incognito, wie er dachte, begab er sich in die Öffentlichkeit, denn er hatte sich eine Perücke mit langem schwarzen Haar und dazu eine Sonnenbrille aufgesetzt. Nach dem Tanken auf der Autobahn begab er sich zum Zahlen in den Kassenraum, dank der Tarnung unbefangen wie ein Normalbürger. Dem Tankwart gab er etwas Trinkgeld, was diesen besonders erfreute, denn er bedankte sich mit den Worten: "Gute Fahrt noch, Herr Schumacher."
Klaus Ewald
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