LEIDENSCHAFT UND PERFEKTION

Michael Schumacher in Montreal: 150. Grand Prix Sieg für Ferrari

Fünf Runden vor Ende des Rennens packte den grossen Strategen der kleine Hunger. Ferrraris technischer Direktor Ross Brawn griff, wie einst Boris Becker beim Tennis-Match, zu einer Banane. Zwanzig Minuten später stand nicht Brawn, sondern Michael Schumachers Renningeninieur Luca Baldiserri in der Champagner-Dusche auf dem Podium.

Es war der 150. Grand Prix Sieg in Ferraris triumphaler, manchmal aber auch tragischer Geschichte. Und bei Halbzeit der Weltmeisterschaft 2002 führt Michael Schumacher mit 43 Punkten Vorsprung vor den Williams BMW Piloten Juan Pablo Montoya und Ralf Schumacher, die in Montreal beide Motorschäden erlitten. "Das ist für einen Motorenbauer schon ein richtiger Rückschlag," war BMW Direktor Dr Mario Theissen ziemlich traurig. Nur noch in schwerer Schicksalschlag könnte Michael Schumacher den fünften Weltmeistertitel, den dritten in Folge, noch wegnehmen. Ferraris erfolgreichter Grand Prix Pilot kam 2002 bislang bei allen Rennen ins Ziel. Technische Probleme gab es nur im Warm Up, als der Motor im Ersatzwagen explodierte.

Zwar war Juan Pablo Montoya am Start von der Pole Position auch am besten weggekommen, doch Rubens Barrichello konnte ihn schon nach einer Runde auf der Start und Zielgeraden ausbeschleunigen. Dann blieb Jacques Villeneuves neuer BAR Honda (überarteitete Aerodynamik und Motor-Getriebeeinheit, aber noch das Original-Monocoque) schon in der achten Runde mit technischem Defekt stehen. Das Auto stand so ungünstig vor einer Mauer, dass für 4 Runden das Safety Car herauskommen musste. Montoya ging sofort an die Box, tankte, wechselte aber wie viele andere Michelin-Fahrer nur die Hinterreifen.

Im Gegensatz zu den allgemeinen Erwartungen war Montreal 2002 weder eine Unfall-, noch eine Ausfallorgie. Insgesamt wurden 15 Autos klassifiziert, doch ausser den Ferraris waren nur noch die Silberpfeile ohne richtige Schwierigkeiten, sieht man einmal davon ab, dass Kimi Räikkönen Benzin sparen musste, weil durch einen Fehler in der Tankanlage zu wenig Treibstoff eingefüllt wurde. Auch bei Ralf Schumacher verlief das Tanken völlig chaotisch, bevor er in der letzten Runde mit defektem Motor stehenblieb, aber noch als Siebter gewertet wurde. Blödsinn wurde auch diesmal wieder reichlich gemacht. Serienweise wurde die Schikane vor Start und Ziel abgekürzt, Salo, Yoong, Massa und Heidfeld (gleich zweimal) erhielten Strafen wegen Tempoüberschreitung in der Boxenstrasse. Der deutsche Fernsehsender RTL brachte Montagmittag in seinen Nachrichten einen Beitrag mit dem Titel: Michael Schumacher und die Deppen.

David Coulthard konnte sich am Schluss gegen Rubens Barrichello durchsetzen und bewies, dass sein Sieg in Monte Carlo kein Zufall war. Für Michael Schumacher indessen war er keine Herausforderung. Dessen Ein-Stop-Strategie liess ihn den Grand Prix von Kanada schon zum fünften Mal gewinnen. Zwar holte Juan Pablo Montoya im letzten Drittel des Rennens auf den Deutschen noch gewaltig auf, doch die Chancen des Kolumbianers lösten auf der Start und Zielgeraden sich im hellblauen Rauch eines Motorschadens auf. Die Ferraris sind dagegen schnell und zuverlässig. "Das Auto ist ein Perfekt-Auto. Momentan sind die unschlagbar, da braucht man überhaupt nicht zu diskutieren," kommentiert Jaguar-Chef Niki Lauda, dessen Autos in Montreal beide ausfielen. Zur Leidenschaft kommt 2002 bei Ferrari auch die Perfektion.

Ferrari gewann seinen ersten Grand Prix 1951 in Silverstone mit dem Typ 375 und José Froilan Gonzalez im Cockpit. Der war, wie viele Automobilrennfahrer zu jener Zeit ein rustikaler Typ von massiger Statur, ein totaler Kontrast zum modellhaften Star-Athleten Michael Schumacher. Gonzalez ist heute 79 Jahre alt und lebt als Pensionist in seinem Heimatland Argentinien. In seiner aktiven Zeit nannte man ihn den Pampas-Stier.

Klaus Ewald

 

 

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