EIN MANN NAMENS MOCO

Die Carlos Pace Story

Mit Schulfreundschaften ist das ja immer so eine Sache. Mal halten sie ein Jahr lang, mal die ganze Schulzeit, mal aber auch ein Leben und eine Karriere. Wilson Fittipaldi jr, Jahrgang 1943 und Sohn eines berühmten Radioreporters, und Carlos Pace waren Schulkameraden. Der junge Emerson, zwei bzw. drei Jahre jünger, war den beiden dicht auf den Fersen.

In Brasilien waren sie, obwohl vom Alter her in diesem Zeitraum gelegen, keine Kriegskinder. Das Schicksal eines Jochen Rindt war ihnen erspart geblieben. Sie spielten Fussball und fuhren Go Karts, beides mit Enthusiasmus und mit viel Ehrgeiz. Um die materielle Existenz brauchten sie sich keine Sorgen zu machen. Emerson riskierte als erster den Schritt nach England, Pace folgte ihm alsbald, bei Wilson jr dauerte es etwas länger. Wer in den Grand Prix Sport wollte, musste damals durch die Hölle der britischen Formel 3. Die fand fast ausschliesslich im kühlen Regen statt und eine Alternative gab es, im Gegensatz zu später, noch nicht. Einen Brasilianer in die britische Formel 3 zu schicken, ist etwa das gleiche wie einen Beduinen auf den Nordpol zu schicken. Ihm geht es dabei furchtbar dreckig. Emerson und Carlos verloren während dieser Zeit rapide an Gewicht.

Emerson gelang dann 1970 gleich der Einstieg in ein grosses Werksteam, bei Lotus, und dies vorallem weil Rindt dort, vielleicht etwas voreilig, seinen Rücktritt zum Jahresende angekündigt hatte. Mit Bruce McLaren und vorallem Piers Courage hatte er in jenem Jahr zwei Freunde verloren. Und Stirling Moss hatte Ford Direktor Walter Hayes "diesen Brasilianer mit dem lustigen Namen" dringend empfohlen. Als in Watkins Glen 1970 der führende B.R.M. von Pedro Rodriguez kurz vor Schluss zum Nachtanken an die Box musste, siegte Emerson in seinem erst vierten Grand Prix. Brasiliens Aufstieg zu eine der führenden Formel 1-Nationen hatte begonnen.

Carlos Pace kam in seinem Windschatten in Kyalami 1972, Wilson jr folgte in nur wenig später in Jarama und auch er in einem Werksteam, bei Brabham, als Partner von Argentiens neuen Star Carlos Reutemann, vorallem aber dem legendären Graham Hill. Von dem konnte man immens viel lernen, auch dann, wenn nicht sein berühmtes schwarzes Buch öffnete. Hill gewann in diesem Jahr, nach Indianapolis und 2 Fahrerweltmeisterschaften, auch in Le Mans. In einem französischen Matra und mit Henri Pescarolo als Partner, auch er ein Star. Der war in der Formel 1 Paces erfahrener Teamkollege im privaten March Team von Frank Williams. Dem Franzosen half zu dieser Zeit diese Erfahrung jedoch ziemlich wenig, er hatte eine Reihe schwerster Unfälle und die Serie der Totalschäden wollte nicht abreissen. Frank Williams, auf dem Sprung zum Werksteam aus eigenen Rechten, zahlte in Bicester viele grosse Rechnungen. Immerhin waren Sponsoren da, Motul aus Frankreich und Politoys aus Italien; Ron Tauranac, zuvor von Bernie Ecclestone bei Brabham gefeuert, war technischer Berater. Pace war, im Gegensatz zu Pescarolo, der den March Ford 721 und beim Grand Prix von England sogar den neuen Politoys Ford fuhr, das ganze Jahr in Vorjahresauto vom Typ 711 gesessen, den Tauranac jedoch im Detail weiterentwickelt hatte. Weltmeisterschaftspunkte bereits in vierten Grand Prix, in Belgien mit Platz 5 waren ein grossartiger Erfolg, denn Nivelles ist nicht Waterloo, wenngleich man von der einen in die andere Stadt bequem zu Fuss gelangen kann. Es sollten jedoch fast eineinhalb Jahre vergehen, bevor Pace erneut Punkte erzielen sollte.

Nach dem Scheitern des Politoys-Projekts in Brands Hatch, als Pescarolo in Pilgrim`s Drop an gleicher Stelle nur mit viel Glück dem tragischen Schicksal Jo Sifferts vom Oktober 1971 entging, verbündete sich Frank Williams mit Iso Rivolta und Marlboro. Doch Pace befürchtete ein weiteres Desaster, wie es Williams schon 1970 mit dem de Tomaso Ford (Konstrukteur: Gianpaolo Dallara) erlitten hatte. Manch jüngere Leute lernen aus der Geschichte sehr, sehr schnell. Und Pace war nicht nur intelligent, er war auch fleissig. Wenn man so will: Lateinamerikas Antwort auf Niki Lauda.

Bei Rob Walker und John Surtees wähnte er sich deshalb für 1973 auf der sicheren Seite, denn einen Zwölfzylinder mochte er, zumindest noch nicht, fahren. Er wusste nur zu gut, wie schwierig es ist, sich auf Dauer in der Formel 1 zu etablieren. Das Risiko eines Karriereknicks kam 1973 nicht von den Motoren, sondern von den Firestone Reifen, die Surtees wohl auch deshalb noch verwendete, weil er deren Geld brauchte. Der TS14, breit und elegant, war ein gutes Auto. Kein Tyrrell, Lotus oder McLaren, aber prinzipiell gut zum Gewinnen, wäre er nur auf Goodyear gelaufen. Pace wurde vierter am Nürburgring und dritter in Zeltweg, beidesmal fuhr er die schnellste Runde. Man lag sich im Team Surtees nur immer mit der Abstimmung in den Haaren. Mike Hailwood, im Motorradsattel vielleicht das grösste Genie aller Zeiten, die Nummer 1, war an der Formel 1-Technik nie wirklich interessiert. Denn da musste man ja richtig arbeiten. John Surtees war deshalb nicht nur Teamchef, sondern auch Testpilot, doch was er meist in Goodwood ausgearbeitet hatte, war gut für Hailwood, aber nicht immer für Pace. Der hatte bezüglich der Technik eigene, sehr gute Ideen, die es durchzusetzen galt, was bis Mitte der Saison brauchte. John Surtees war immer ein Mann mit Prinzipien und in einigen, wenngleich wenigen Fällen ist dies in der Praxis nicht immer gut.

Für 1974 konstruierte der Mann aus Edenbridge, auch er ein vielfacher Motorradweltmeister, den TS16, klein, wie ein Formel 3-Auto und zerbrechlich wie ein Lotus der frühen Tage.Von den Firestone-Reifen konnte oder wollte Surtees natürlich auch nicht lassen. Mit Walker und Hailwood hatte es fürchterlichen Streit gegeben und beide gingen zu Phil Kerrs Yardley McLaren. Carlos Pace wurde die Nummer 1 im Team Surtees, der junge Deutsche Jochen Mass fuhr das zweite Auto. In einer Magazin-Kolumne behauptete dieser, der TS16 würde so gut werden, wie die Tyrrell Ford 005/006 von Stewart und Cevert. Ein grosser, renommierter Sponsor wurde gefunden, Bang & Olufsen produzieren luxeriöse Hi Fi-Anlagen und Fernseher, doch John Surtees behauptet bis heute, die Dänen hätten niemals nur einen Cent gezahlt. Doch der TS16 war nicht nur langsam, er war auch gefährlich. Pace und Mass hatten, eingedenk der vielen Aufhängungsbrüche, das Team zu Saisonmitte längst verlassen, als der TS16 das Leben eines seiner Piloten forderte: In Watkins Glen starb der junge Österreicher Helmut Koinigg, der Technologie und Publizistik studiert hatte und gerade an seiner Dissertation schrieb.

Carlos Pace war nervös geworden. Bis zu seinem 30. Geburtstag war es nicht mehr weit, er war verheiratet und hatte 2 Kinder. Seine Frau und beide Kids hatten am gleichen Tag Geburtstag: Am 7. Mai. Bei Brabham erwies sich Rikky von Opel neben dem oft recht labilen Carlos Reutemann als genauso überfordert, wie im Jahr zuvor bei Ensign. Doch es dauerte eine Weile, bis er zur Einsicht kam, dass der Rücktritt für beide Seiten die beste Lösung war. Solange führ Pace an der Seite von John Watson im privaten Brabham Team von Hexagon und Sponsor John Goldie, einem reichen Londoner Autohändler. Als Pace während des Grand Prix von Frankreich in Dijon an einer schweren Grippe erkrankte, konnte er sich zum ersten und einzigen Mal in seiner Karriere nicht qualifizieren.

Doch dann ging es in Riesenschritten voran. Gordon Murray, der Südafrikaner mit der Leidenschaft für Rotwein und Pop-Musik, selbst wie ein Rock-Star aussehend, Technologe und Schöngeist, war die unbestrittene Nummer 1 unter den Konstrukteuren, ein Mann, der die Trends bestimmte, wie zuvor nur Colin Chapman. Bernie Ecclestone mochte Pace sofort. Im Gegensatz zu Reutemann, der nur kämpfte, wenn alles gut ging, war der zweite Carlos schnell und beständig zugleich. Rückschläge spornten ihn nur noch mehr an, während der Argentinier dann gern die Flinte ins Korn schmiss. Als Brabham 1976 auf die 180° - 12 - Zylinder-Flachmotoren von Alfa Romeo umstellte, anfangs vieles schiefging und man in Italien manchmal schon vom Kommunistenmotor sprach, verliess Reutemann das Team mitten in der Saison, in dem er sich mit seinem Privatgeld aus dem gültigen Vertrag auskaufte. Paces Rivalität, in grossen Teams durchaus leistungsfördernd, konnte er nicht ertragen. Er hatte zuvor schon ertragen müssen, wie Pace in Interlagos 1975 bei seinem ersten Grand Prix Sieg von einer ganzen Nation gefeiert wurde, während ihm selbst nur der achte Platz blieb.

Es sollte sein einziger Grand Prix Sieg bleiben, denn seine Karriere blieb, wie bei manch anderen auch, eine unvollendete. 1977 war der Brabham Alfa Romeo BT45 ein potentielles Siegerauto geworden, mit dem stärksten Motor im ganzen Feld, der nur einen Nachteil hatte: Er verbrauchte viel zu viel Benzin. Doch der Techniker Pace hätte auch dieses Problem lösen können und sicherlich hätte er nicht mehr lange dazu gebraucht. Carlos Pace wäre Brasiliens zweiter Formel 1-Weltmeister geworden, noch ehe dies hätten Nelson Piquet und Ayrton Senna werden können. Nach 1974 waren er und John Watson wieder Teamkollegen geworden und der Ire ist ein Gentleman. Bernie Ecclestone sagte später: "Wäre Pace am Leben geblieben, ich hätte 1978 und 1979 Lauda nicht gebraucht."

Grand Prix Piloten sind eine besondere Art von Mensch. Vom der Aggressivität auf der Piste können sie sich nicht im Privatleben in die Mentalität eines deutschen Eisenbahnbeamten verwandeln. Deshalb sind sie im privaten Bereich oft in grösserer Gefahr, als auf der Rennstrecke. Nino Farina, Mike Hawthorn und Mike Hailwood verunglückten tödlich mit dem Privatauto. Ron Flockart, Graham Hill, Tony Brise, Harald Ertl und David Purley starben bei Flugzeugabstürzen; Rupert Keegan und David Coulthard haben solche Ereignisse mit viel Glück überlebt. Patrick Depailler lag einst nach einem Unfall mit dem Drachenflieger monatelang in der Klinik und auch Emerson Fittipaldi entging später, da schon über 50, mit dem Ultra Light einem schweren Schicksal im Rollstuhl.

Der 18. März 1977 war ein Samstag und in Brands Hatch wurde das traditionelle Race of Champions gefahren, als die Nachricht aus dem unwegsamen Dschungel weit weg von Sao Paulo entraf. Es war ein einmotoriges Flugzeug gewesen, das in ein Unwetter geraten war. Es gab keine Überlebenden, mit Pace starben sein Fluglehrer und der Eigentümer der Maschine.

Die poetischen Namen, die viele brasilianische Sportler und Künstler, wie der Fussballer Pele oder die Fernsehmoderatorin Xuxa tragen, gibt es bei den Grand Prix Piloten nicht. Wilson Fittipaldi wurde nach seinem Vater benannt, Emerson nach dem grossen US-amerikanischen Philosophen. Piquet heisst eigentlich Soutomajor und Senna da Silva. Auch Josè Carlos Pace hatte in seiner Schulzeit einen anderen Namen: Moco, und das heisst auf Deutsch Der Schwerhörige.

Klaus Ewald

 

 

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