FÜNF STERNE

Michael Schumachers Weltmeister-Party auf dem neuen Hockenheimring

Im Zweiten Weltkrieg bekamen die amerikanischen Flieger pro Luftsieg einen Stern auf ihre Maschine. Später, in den siebziger Jahren, zierte Goodyears berühmter Flügel-Schuh analog dazu Niki Laudas roten Sturzhelm - Silber für die Pole Position, aber Gold für jeden Sieg. Jetzt tragen Michael Schumachers Helm und auch seine Baseball-Kappe jeweils fünf Sterne: Für jede gewonne Weltmeisterschaft einen. In Hockenheim 2002 gratulierte die Fangio-Familie aus Argentinien, der Kölner Fernsehsender RTL überreichte dem UNESCO-Botschafter Schumacher einen Scheck über 150 000 Euro für das vorausgegange Prominenten-Fussballspiel und Schumis allerersten Formel 3-Rennwagen aus dem Jahr 1989 gleich dazu. Der Weltmeister nahm nach dem deutschen Grand Prix gleich wieder Platz im Cockpit, startete auch den Motor, konnte aber wegen der Menschenmenge in Fahrerlager nicht fahren. Malte Bongers, Schumachers früherer Formel 3-Teamchef aus Berlin, war völlig aufgelöst.

Pole Position, Start-Ziel-Sieg und auch die schnellste Runde im Rennen: Michael Schumacher feierte beim Grand Prix von Deutschland mit 140 000 Fans den Gewinn seiner fünften Weltmeisterschaft in Magny-Cours eine Woche zuvor wie eine einzige grosse Party. Danach wurde aber nicht weiter gefeiert, Familienvater Schumacher düste nach zahlreichen Interviews sofort heim in dies Schweiz. "Langsam muss wieder der Alltag einkehren," sagt Schumacher-Manager Willi Weber.

In nur knapp einem halben Jahr wurde der Hockenheimring zu einem modernen, aber auch anspruchsvollen Autodrom umgebaut. Kritik verdient nur die Auslaufzone hinter der Haarnaadel, wo die Autos nach der Welt schnellster Kurve Parabolika mit 330 km/h ankommen. Die ist ziemlich kurz geraten und braucht ausserdem nach der Asphaltfläche noch ein zusätzliches Kiesbett für den Fall, das bei einem Auto etwas bricht oder gar die Bremsen versagen. Verantwortlich für die Abmessungen ist die F.I.A., nicht Deutschlands Star-Architekt Hermann Tilke, der auch Sepang baute und Zeltweg und den Nürburgring renoviert hatte. Der war vor Rennbeginn richtig nervös, aber auch ziemlich stolz auf sein Meisterwerk. Computeranalysen hatten für das neue Hockenheim eine Rundenzeit von 1:21.360 prognostiziert, die schnellste Rennrunde von Michael Schumacher war aber mit 1:16.462 signifikant schneller. Die neue Piste hat mehr Grip als erwartet und mit grösseren Flügeln wird im Motodrom zudem im Gegensatz zu früher schneller gefahren. Zwölf bis fünfzehn Meter Breite erlauben bis zu vier Autos kollisionsfrei nebeneinander zu fahren, in der Vergangenheit fuhren die Piloten auf einer nur neun Meter breiten Strasse mit 350 km/h durch den Wald.

An der Spitze musste Michael Schumacher richtig arbeiten, um seinen Bruder Ralf und den anderen Williams BMW-Piloten Juan Pablo Montoya unter Kontrolle zu halten. Am Renntag war in Deutschland nach einem völlig verregneten Juli plötzlich der Hochsommer ausgebrochen. Die Hitze belastete nicht nur die Reifen, sondern sorgte auch für viele Ausfälle wegen Hydraulik- oder Motordefekten. Nur neun Autos sahen die karierte Flagge. Richtig frustriert war nach dem Rennen Ralf Schumacher. Erst behinderte ihn der mit technischem Defekt an die Box schleichende Jacques Villeneuve bei der Anfahrt zu seinem zweiten Routinestop (bei dem nur getankt, aber keine Reifen gewechselt wurden), dann verlor die Pneumatic des BMW-Motors vier Runden vor Schluss soviel an Druck, so dass Ralf zum Auffüllen des Reservoirs zum dritten Mal anhalten musste, was ihn hinter seinen Teamkollegen Montoya auf Platz 3 zurückwarf. Alle Spitzenfahrer waren auf einer Zwei-Stop-Strategie, die Williams BMW und die McLaren Mercedes verwendeten die härtere Reifenmischung von Michelin.

Bei Ferrari hat Rubens Barrichello bis zum Saisonende in jedem Grand Prix das Ersatzauto zur Verfügung. Angestrebt wird der schnelle Gewinn der Konstrukteurweltmeisterschaft und zusätzlich auch der zweite Platz in der Fahrerwertung. Im Ziel lag Barrichello dennoch 10 Sekunden hinter den Williams BMW-Piloten. McLaren Mercedes verlor Kimi Räikkonen durch defektbedingten Unfall, nach dem der junge Finne zuvor links hinten einen Reifenschaden erlitten hatte und eine halbe Runde bis zur Box auf der nackten Felge fahren musste. David Coulthard wurde immerhin Fünfter, allerdings mit einer Runde Rückstand. Bei Toyota aus Köln gab es für Allan McNish wegen Hydraulik-Defekts ein richtiges Feuer, Finnlands Mika Salo wurde Neunter und Letzter. Zuvor hatte Toyotas Co-Sponsor, der Pharmakonzern ratiopharm seine berühmten Zwillingspaare aus der Fernsehwerbung in Overalls gekleidet und damit im Fahrerlager für eine gute Show gesorgt. Sauber Petronas aus der Schweiz brachte beide Autos ins Ziel, Nick Heidfeld holte erneut einen Punkt. Doppel-Ausfälle verzeichneten Jaguar Cosworth, BAR Honda, Renault und de facto auch Minardi Asiatech: Webber hatte Defekt, Yoong war zum wiederholten Mal nicht qualifiziert.

McLaren Mercedes bestätigte in Hockenheim die Vertragsverlängerung mit ihren drei Piloten Coulthard, Räikkönen und Wurz. Der vierte Mann der Silberpfeile, Mika Häkkinen, erklärte wenig später offiziell seinen Rücktritt. Der Finne meldete sich aus seinem Heimatland per Video, richtig romantisch vor einem Blockhaus am See, mit Gattin Erja und Sohn Hugo. Und wenn er wieder richtig viel arbeiten möchte: Im neuen McLaren-Werk Paragon, wo auch der neue Mercedes-Benz Strassen-Sportwagen gebaut wird, ist sicherlich noch ein Schreibtisch frei.

Michael Schumacher gewann nach 1995 (auf Benetton Renault) zum zweiten Mal in Hockenheim, seine Fans feierten ihn bis Montagmorgen mit reichlich Bier, aber auch sehr diszipiliniert. So früh in der Saison hatte noch kein Pilot vor ihm die Weltmeisterschaft entschieden, Schumacher muss nur noch gesund bleiben, dann sind sechs, sogar sieben Weltmeistertitel realistisch. 100 Grand Prix Siege sind zwar auch mathematisch noch sehr weit weg, aber zumindest keine Utopie mehr. Michael Schumacher ist dabei Ayrton Sennas Vision zu realisieren. Den Brasilianer hatte in Hockenheim der Kontrast aus der Stille im Wald und den Menschenmassen im Motodrom immer fasziniert. Dort wo Jim Clark 1968 (am Ort der ersten Schikane) und Patrick Depailler 1980 (in der Ostkurve) starben, wachsen schon in kurzer Zeit nur noch die Bäume.

Klaus Ewald

 

 

 

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