

BÄREN SIND AUCH NUR MENSCHEN
Die
Denny Hulme Story
"Also, Dieter, früher war das alles ganz anders." Ich glaube im Augenblick, ich habe mich verhört, den Denis Clive Hulme, Weltmeister 1967 und zweifacher CanAm Champion (1968 und 1970) war niemals so charmant mit einem Journalisten umgegangen, wie an jenem Samstagabend im Sommer 1989. Dieter Kürten vom Zweiten Deutschen Fernsehen hatte ihn in das Aktuelle Sportstudio eingeladen, wie so viele Grand Prix Piloten vor ihm, wohlwissend, auf welche Sache er sich da eingelassen hatte, denn Denny The Bear, wie ihn alle nannten, hatte jahrzehntelang, wenn überhaupt, ein Verhältnis zur Presse, dann eben ein äusserst schlechtes. Und jetzt sitzt der Mann aus Neuseeland halb stehend in seinem McLaren M20 Sportwagen aus dem Jahre 1972, erzählt bereitwillig die Geschichte seines gigantischen Aufstiegs vom Brabham-Monteur zum Fahrerweltmeister, lobt seine Nachfolger im McLaren Team und freut sich bereits auf den noch ausstehenden Start mit dem M20 beim Oldtimer Grand Prix auf dem Nürburgring am Sonntag. Dies alles tut er mit niemals gezeigter Leichtigkeit, spontaner Zuneigung und voller Hoffnung, denn nur wenige Monate hatte er den schwersten Schicksalschlag seines Lebens zu verkraften, als sein einziger Sohn Martin, aufgewachsen in den Fahrerlagern dieser Welt, im Alter von nur 21 Jahren bei einem Badeunfall tödlich verunglückte. Und: Hulme, dessen Aussehen während seiner aktiven Zeit im Grand Prix Sport niemals seinem tatsächlichen Lebensalter entsprach - er wirkte stets um viele Jahre älter - sieht jetzt wirklich aus, wie ein Mann von 53. Mit dem McLaren Chevrolet M20 mit dem Reynolds Aluminium-Block gewinnt Hulme beim Oldtimer Grand Prix einmal und belegt in den weiteren Rennen jeweils den dritten und den fünften Platz, mit jenem Auto also, das ihm 1972 beim CanAm Lauf auf der Road Atlanta fast zum Verhängnis geworden wäre. Gordon Coppuck hatte den Vorjahreswagen M8F aus Furcht vor Roger Penskes luftgekühltem, schon damals 1000 PS starken 12-Zylinder-Porsche Turbo, dahingehend modifiziert, dass er dem M20 seitliche Kühler verpasste (was für einen Sportwagen jener Zeit nicht nur ungewöhnlich war, sondern auch das Betreten völligen Neulands bedeutete), um den so gewonnenen Freiraum für einen riesigen Flügel in der Bugschnauze zu nutzen, den er der Version des Brabham Ford BT34 von Ron Tauranac nachempfand. Ein Trugschluss, wie sich später herausstellte, denn als der M20 in Atlanta plötzlich Aufwind bekam, umstürzte und rund eine Viertelmeile auf dem Überrollbügel rutschte, ehe er endlich stillstand, war klar, dass es sich bei der Frontpartie um einen aerodynamischen Konstruktionsfehler handeln musste. Die in der Folge angebrachten schaufelförmigen Spoiler vor den vorderen Radkästen bestätigte die Richtigkeit dieser These. Hulmes Glück war nur, dass sein Teamkamerad Peter Revson (mit dem er 1972 und 1973 auch in der Formel 1 fuhr), eingesprungen für den eigentlich vorgesehenen, aber an einem Magengeschwür erkrankten Jackie Stewart, in der Nähe der Unfallstelle gerade versuchte, mittels Bordwerkzeug einen Elektrikschaden seines liegengebliebenen Autos zu reparieren, um das Rennen wieder aufnehmen zu können. Revson befreite den bewusstlosen Hulme ohne schwere Verletzungen und Dennys weisser Bell Vollschutzhelm mit dem schwarzen Doppelstreifen, der sich von der Stirn bis in den Nackenbereich zieht, bewahrte ihn, obwohl durch das Schleifen auf dem Asphalt erheblich beschädigt, vor erheblichen Kopfverletzungen. Sich von dem Schock zu erholen, brauchte dennoch Wochen. Erst im Spätsommer konnte er in der Hitzeschlacht von Zeltweg, wo er Emerson Fittipaldi trotz eines riesengrossen Risses in der Stütze des weit zurückversetzten Heckflügels des M19 in der Schlussphase so unheimlich unter Druck setzte, wieder voll angreifen.
Er war der Sohn des berühmten, mit dem Victoria Cross ausgezeichneten Kampffliegers und späteren Unternehmers und Politikers Clive Hulme, geboren am 18. Juni 1936 in Nelson auf der Nordinsel Neuseelands, wuchs aber später auf der Tabakplantage seines Grossvaters im Süden auf und fuhr, als er mit einem Stipendium des neuseeländischen Automobilclubs nach Europa kam wie zuvor Bruce McLaren, seine ersten Rennen im Einsitzer ohne Schuhe und Strümpfe, weil er glaubte, die Pedalerie auf diese Art und Weise gefühlvoller bedienen zu können. Denny, der Bär, war um so vieles sensibler, als sein äüsseres Erscheinungsbild vermuten liess, sich damit nicht nur sein rüdes Verhalten gegenüber vielen Reportern, oft sensationslüstern und sachunkundig zugleich, erklären lässt, sondern auch die Tatsache seines frühen Todes, erlitten im Oktober 1992 durch Herzinfarkt am Steuer eines BMW M3 beim 1000 Kilometer Rennen im australischen Bathurst, dem härtesten Tourenwagenrennen der Welt. "Er war ein wirklich eisenhaltiger, guter Typ," schrieb Helmut Zwickl, Grand Prix Autor seit 4 Jahrzehnten, in einem Nachruf (1).
In den alten CanAm-Tagen trugen sie auf dem Siegerpodest Medaillien um den Hals wie Olympioniken, sie verdienten schon damals Dollarmillionen, aber nach dem Rennen blieben sie oft noch bis zum Montagmorgen, um mit den Mechanikern und den Fans im Fahrerlager Steaks zu grillen und Bier zu trinken. Sie waren Professionals durch und durch, aber auch Menschen, die trotz aller Erfolge auf dem Teppich blieben. Hulme und in der Folge sein Schüler Jody Scheckter (der in der CanAm 1973 einen Turbo Porsche von Vasek Polak fuhr) waren einige von ihnen und auch der Baby Bär wurde Weltmeister: 1979 in einem Ferrari.
1970 überlebte Hulme in Indianapolis einen Feuerunfall, als sich während der Fahrt ein Tankdeckel öffnete, Treibstoff austrat, und das gesamte Fahrzeug sofort in Flammen aufging, was man aber nur an der flimmernden Luft erkennen konnte, denn anders als sonst in der Welt wird bei den Indy Cars in den USA statt des sonst üblichen, in diversen Versionen zur Verfügung stehenden Sprits auf Mineralölbasis eine Mischung aus Methanol und Nitromethan verwendet, dessen Inbrandsetzung erst ab einer Menge von 800 Litern durch das Auftauchen kleiner, gelblicher Flammen sichtbar wird. Hulme, der sofort informiert war, bremste so stark wie möglich ab, sprang dann aus dem fahrenden Auto, musste aber durch gestenreiches Herumspringen auf die Tatsache aufmerksam machen, dass er soeben zur lebenden Fackel geworden war. Die Brandwunden, vornehmlich an den Händen erlitten, hielten sich Dank des feuerfesten Overalls in Grenzen.
"McLaren ist das grösste Rennteam der Welt, wir fahren Indianapolis, CanAm und Formel 1," sagte Hulme einmal nicht ohne Stolz. Für das Werk aus Colnbrook/Berkshire gegenüber dem Londoner Flughafen Heathrow war er Chefpilot und moralische Institution zugleich und überdies in allen 3 Disziplinen des weltweiten Spitzenmotorsports jener Zeit vertreten, ehe er sich an 1973 nur noch der Formel 1 widmete, denn die letzte Herausforderung seiner Karriere war die Entwicklung des McLaren Ford M23 , für Niki Lauda "das schönste Auto, das ich je gesehen habe." Mit diesem Fahrzeug, das Emerson Fittipaldi 1974 und James Hunt 1976 die Fahrerweltmeisterschaft bringen sollte, stand Hulme bei dessen Debüt in Kyalami 1973 auf der pole position (der einzigen seiner Karriere), siegte in Anderstorp des gleichen Jahres und in Buenos Aires 1974, ehe er zu Saisonende zurücktrat, sein selbstentworfenes, supermodernes Haus in Weybridge verliess, um nach Neuseeland zurückzukehren - als er ein Jahrzehnt später, zunächst im Rover Tourenwagen, wieder in die alte Welt kam, begannen dort tiefgreifende, dramatische Veränderungen und Denny, achtfacher Grand Prix Sieger, die Siege errungen jeweils in einem anderen Land, zweimal (1973 und nach seinem Rücktritt auch 1975) Chef der Fahrergewerkschaft GPDA, startete sogar in Brünn in der ehemaligen CSSR.
Einer seiner grossen Gegner, Jackie Stewart, charakterisierte ihn bereits 1970 so: "Er ist ganz und gar nicht das, was man sich unter einem Formel 1-Star vorstellt. Keine Spur von Eitelkeit, Egozentrik oder Publicity-Süchtigkeit. Attribute, die Manso als Rennfahrer-Berufskrankheit bezeichnet! Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit - Eigenschaften, die die meisten von uns erst langsam erlernen müssen, sind bei ihm selbstverständlich und natürlich.
Es ist ein langer und beschwerlicher Weg, bis man zur Weltelite in diesem Metier gehört, und man macht notgedrungen einen Reifeprozess durch. Man muss sich und seine Grenzen erkennen und versuchen, sich so zu geben, wie man ist. Das ist manchmal gar nicht ganz leicht. Aber Denny brauchte nichts zu lernen - er war und ist einfach er selbst. Er will kein Star sein und auch nicht als solcher behandelt werden ... Er ist eben Denny, basta! ...
Sein Fahrstil ist generell jedoch weniger aggressiv als vielmehr ruhig und verhalten. Genauso ist es mit der geschaftlichen Seite des Rennsports. Ihn interessieren keine publicity-wirksamen Automobilausstellungen, keine finanziell einträgliche Werbung für Autozubehör oder Sportkleidung und auch keine gesellschaftlichen Ereignisse. Was er will , ist fahren! Und er fährt Indy, CanAm, Formel 1 und verdient dabei allein durch die Rennerei soviel, wie kaum ein anderer ... Der Rennsport als solcher muss ihm offensichtlich eine unheimliche Befriedigung geben, obwohl er dies nie zugibt." (2)
Viel mehr, so finde ich, braucht nicht mehr gesagt werden. Erwähnenswert ist nur noch Denny Hulmes Antwort auf jene Reporterfrage nach der Höhe seines Gehaltes: "Ich bekomme gar kein Geld , ich fahre für Erdnüsse."
Klaus Ewald
________________________
Anmerkungen:
(1): "Das eisengepanzerte Schlachtross" in Motorsport aktuell Nr. 43 vom 14. Oktober 1992, p. 4
(2): Jackie Stewart/Peter Manso, Schneller, Aufzeichnungen eines Weltmeisters, Stuttgart 1972, pp. 74 f.

DER SPIEGEL vom 12. Oktober 1992

© 2001 by researchracing
l Home l Denny Hulme l