researchracing
Quantas Grand Prix von Australien 2001
______________________________________________________

WIE EIN SCHRECKLICHER TRAUM
Nach Horror-Unfall von Villeneuve gewinnt Michael Schumacher seinen 45. Grand Prix
Es hätte eine so fröhliche Party werden sollen, wie man sie nur in Australien feiern kann. Doch stattdessen gab es nur Gewalt und Tod und schreckliche Zerstörung. Machen wir uns da gar nichts vor: Der Grand Prix Sport ist am ersten März-Sonntag 2001 nur um Haaresbreite an der schlimmstmöglichen Katastrophe seiner Geschichte vorbeigeschrammt. Als in der 4. Runde der BAR Honda des Kanadiers Jacques Villeneuve, Weltmeister und Indianapolis-Sieger, mit voller Wucht auf das Heck von Ralf Schumachers Williams BMW prallte, aufstieg wie ein Düsenjäger, hätte es noch ungefähr eines Meters an Flughöhe bedurft, dann wäre das Auto über den Zaun gestürzt. Niki Lauda, jetzt Jaguar Direktor, bringt es auf den Punkt: "Wenn man sich vorstellt, dass das Auto auch hätte in die Zuschauer fliegen können, darf man gar nicht mehr darüber nachdenken." Ein toter Streckenposten und 11 leicht verletzte Personen aus dem Publikum sind Tragödie genug.
Dabei hatte die F.I.A. nach dem Tod eines Feuerwehrmannes in Monza 2000 die Fixierung der Räder durch ein zweites Kevlar-Seil angeordnet, um zu verhindern, das wegfliegende Räder samt Aufhängungsteilen nachfolgende Fahrer wie am Pistenrand stehende Menschen erschlagen. Doch in Melbourne zeigte sich bereits im Qualifying, dass auch das neue System nicht funktioniert, als Luciano Burtis Jaguar wegen eines Bruchs der Hinterradaufhängung mit hoher Geschwindigkeit in eine der Betonmauern krachte. Dabei ist das Problem seit Jahrzehnten bekannt. Bei einem Formel 2-Rennen in Hockenheim traf ein abgeschlagenes Hinterrad von Derek Warwick den Kopf von Markus Höttinger. Das Auto war kaum beschädigt, doch der junge Österreicher, kurz vor seinem Debüt in der Formel 1, war auf der Stelle tot.
Die semi-permanente Strecke im Albert Park von Melbourne ist, weil zu den schnellen Kursen gehörend, seit ihrem Debüt im Jahre 1996 nicht unproblematisch. In diesem Jahr fuhr Michael Schumacher auf seiner schnellsten Rennrunde eine Schnitt von 216 km/h. Bei seinem Überschlag im 2. freien Freitagstraining hatte Ferraris neuer Weltmeister schon unvorstellbares Glück. Beidseits der schnellsten Streckenpassagen sind nur schmale Grünstreifen, dahinter kommen die Mauern, deren aufgesetzte Fangzäune mit einer Totalhöhe von nur 3 Metern viel zu niedrig sind. Vielleicht wäre es besser, wie früher auf dem Strassenkurs von Long Beach/USA die Betonmauern ganz an den Streckenrand zu setzten, um einen entgleisenden Rennwagen abzufangen.
Disziplin ist nicht die Stärke der heutigen Fahrergeneration. Aber gerade die wäre nötig, um Unfälle wie diese zu verhindern, noch ehe man über verstärkte technische Sicherheitsanstrengungungen nachdenkt. Obwohl die Unfallstellstelle von Jacques Villeneuve und Ralf Schumacher aussah, wie nach einem Bombnangriff, im herbeigeeilten Ambulanzwagen die Ärzte um das Leben des Marshalls kämpften, überholten Panis und Verstappen den jungen Nick Heidfeld - und bekamen nach einem Protest Saubers nachträgich eine 25 Sekunden Zeitstrafe aufgebrummt. Panis, der nach einem Jahr als McLaren-Testfahrer bei BAR Honda ein glanzvolles Comeback als Rennpilot feierte, verlor seine hart erkämpften 3 WM-Punkte. Heidfeld rückte, erstmals in seiner Karriere in den Punkten, vor auf Platz 4.
Jacques Villeneuve geht in der Öffentlichkeit immer auf Distanz zu seinem Vater, der in der Qualifikation zum Grand Prix von Belgien 1982 in Zolder tödlich verunglückte. Dabei ist er ihm so ähnlich. Gilles Villeneuve war 1977 in Fudji, noch sehr früh in seiner Karriere, in das Heck von Ronnie Petersons sechsrädrigem Tyrrell Ford P34 gekracht, ebenfalls aufgestiegen und hatte dabei 2 Leute am Pistenrand getötet und viele schwer verletzt. Aus der Geschichte zu lernen, ist bisweilen unmöglich. Und wie soll man jemanden disziplinieren, der schon das gelegentliche Tragen einer Krawatte als unerträglichen Zwang empfindet.
Die Safety Car Phase von der 4. bis zur 14. Runde hatte sämtliche Strategien über Bord geworfen. Michael Schumacher, der nur beim Boxenstop in der 23.Runde (10,7 Sekunden) für 3 Runden die Führung an David Coulthard im McLaren abgab, liess keinen Zweifel daran, wer der Herr im Albert Park war. Mika Häkkinen, der als einziger dem Deutschen folgen konnte, war in 25. Runde beim Anbremsen der Stewart-Kurve (von 300 auf rund 120 km/h) in die Reifenstapel gekracht, weil rechts vorn die Aufhängung des Silberpfeils gebrochen war. Der Finne hatte Unfallspuren an seinem neuen Helm (erstmals mit einem kleinen Spoiler an der Unterkante) und erlitt sogar eine leichte Gehirnerschütterung.
Aufhängungsbrüche sind seit Luca Badoers winterlichem Testunfall von Barcelona die neuen Gefahrenquellen im Grand Prix Sport. Alle neuen Autos sind extrem untergewichtig, der beigepackte Ballast dient vorallem zur individuellen Abstimmung der Gewichtsverteilung je nach Strecke - ein Unsinn wie Anfang der achtziger Jahre die riesigen Wassertanks in den Seitenkästen (offiziell zur Bremsenkühlung) auch nur der Manipulation dienten.
Dass Bridgestone in Melbourne überlegen sein würde, war seit dem Qualifying klar, doch Michelin hatte seine schärfte Waffe Williams BMW verloren, denn auch Montoya, der bis auf Platz 3 vorgekommen war, schied 18 Runden vor Schluss mit Motorschaden aus. So wurde Luciano Burti im Jaguar mit Platz 8 der beste Michelin-Pilot.
Ein glänzendes Debüt schaffte Kimi Räikkönen im Sauber Petronas, der nach Panis Bestrafung gleich seinen ersten Punkt einfuhr. WM-Punkte im ersten Rennen sind fast so selten wie die berühmte blaue Mauritius. Dass Enrique Bernoldi, unterstützt von Red Bull-Chef Dietrich Mateschitz, bei Arrows am Sonntag 2 kapitale Anfängerfehler machte, zeigt nur, wie recht Teamchef Peter Sauber mit der Verpflichtung des jungen Finnen hatte. Und mag das Schweizer Team ein wenig über das Zerwürfnis mit seinem Hauptsponsor hinwegtrösten, denn Heidfeld und Räikkönen sind die Stars der Zukunft.
Fast genial auch der Einstand von Fernando Alonso bei Minardi. Obwohl das Auto, das Österreichs Design-Universalgenie Gustav Brunner über den Winter mit Minimalbudget gebaut hatte, vor Melbourne nur bei einem 50 Kilometer-Funktionstest in Vairano gelaufen war, qualifizierte sich der erst 19 Jahre alte Spanier für die 19. Position auf dem Startplatz. Alonso brachte den Minardi European auf dem 12 Platz nach Hause, noch vor Giancarlo Fisichella im Benetton Renault, und das Resultat hätte noch besser sein können, hätte er nicht wegen Geschwindigkeitsübertretung in der Boxenstrasse eine 10 Sekunden Stop and Go Strafe erhalten. Jetzt liegt es an dem neuen Minardi-Hauptaktionär Paul Stoddart, der in Australien quasi ein Heimspiel hatte, Sponsoren und einen Werksmotor zu beschaffen, dann werden die britischen Italiener aus Faenza und Ledbury/U.K. ein ganz starkes Mittelfeldteam.
Davon kann man bei Benetton Renault vorerst nur täumen. Deren Leistung war in Melbourne schlichtweg eine Katastrophe. Die Benetton Renault B201, bereits in diesem Jahr die offiziellen Werksautos von Renault France, sind nicht nur defektanfällig, sie sind auch zu langsam. Der neue technische Direktor Mike Gascoyne muss die Ärmel aufkrempeln, aber möglicherweise ist der Zug für 2001 bereits abgefahren, was besonders für Jenson Button bitter wäre, der von Williams BMW ja nur für 2 Jahre ausgeliehen ist.
Als Alan Jones, der Weltmeister des Jahres 1980 und noch immer der erkärte Lieblingspilot von Sir Frank Williams und Patrick Head, nach 58 Runden die Zeilflagge senkte, war die Stimmung bedrückt. Auf dem Podium gab es, erheblich verspätet, weil zuerst die Fahrer informiert wurden, nur die Hymnen und die Pokale, aber keinen Champagner.
Klaus Ewald
© 2001 by researchracing
l Home l Melbourne 2001 l