
WER WAR MIKE B. ?
Eigentlich war es ein ganz normaler Samstagnachmittag, wäre da nicht dieses unglaubliche Wetter gewesen. 52 Grad Celsius in der Sonne sind auf der Hochebene von Zeltweg einfach die Hölle, die dünne Luft tut ein übriges. Seit eineinhalb Stunden läuft das Abschlusstraining zum Grand Prix von Österreich 1972, in dem der erst 25 Jahre alte Brasilianer Emerson Fittipaldi auf die Zielgerade zum ersten Weltmeistertitel einbiegt. Ich stehe gerade unterhalb der Glatz-Kurve, dort wo der Kanonendonner der Ford-Motoren schlagartig hörbar wird, wenn die Piloten vom Mercedes-Stern herunterkommen, ehe er zwischen den Hügeln der Schönbergeraden zur Bombenexplosion wird, bevor es nur durch einen ganz, ganz engagierten Schutzengel eben nicht zur Katastrophe kommt: Mike Beuttler, im dritten March Ford 721G Teamkollege Ronnie Petersons und Niki Laudas, von internen Intrigen menschlich tief betroffen, kämpft gegen den Connew Ford Francois Migaults um die Qualifikation, als in dieser mittelschnellen Kurve der Tyrrell Ford 002 Francois Ceverts zum Überholen ansetzt. Der Engländer, verkrampft und nervös obendrein, sieht ihn nicht im Rückspiegel und macht zu, wie das in diesem Jargon so schön heisst - Leben und Tod nur um ein paar Millimeter getrennt. Vorausgegangen war ein fürchterlicher Streit zwischen dem March Team (und dessen Advokaten Max Mosley) und Beuttlers Sponsoren, dem Londoner Börsenmaklersyndikat Clarke, Mordaunt, Guthrie und Durlacher, die ihren Namen auf dem gelben Auto in feiner englischer Schreibschrift angebracht haben, selten zu sehen waren, aber, weil das politische Spiel um Macht und Geld perfekt beherrschend, dennoch stets präsent waren. Nur: Es ging diesmal gar nicht um Geld, sondern um die Motoren. Der March Ford 721G, ursprünglich exclusiv für Beuttler gebaut, hatte ein Formel 2-Chassis vom Typ 722; Zusatztanks und den Flanken und der 3 Liter Ford Cosworth Motor machten ihn zum Grand Prix Auto. Als sich die technische Revolution des für Peterson und Lauda bestimmten Modells 721X als existenzgefährdend für das Team aus Bicester erwies, war es mit der Exclusivität vorbei, der Ruf Laudas als genialer Techniker begründet, und die technologische Entwicklung von March vorbestimmt, denn in der Folge basierten für viele Jahre alle Grand Prix Wagen auf dem entsprechenden Formel 2 Auto. Als Beuttler in Zeltweg 1972 Lauda seinen Motor abtreten sollte, weil Mosley seinen aufkommenden Star vor heimischem Publikum schneller machen wollte, als dessen Auto war, war die Grenze zur fahrerischen Demütigung erreicht.
Später, als das Training beendet war, und der bis in die Nacht dauernde Dienst der Mechaniker begonnen hatte, kommt Beuttler ins Tyrrell Camp, reicht Cevert die Hand, und beide diskutieren die Lenkungsprobleme am zweifach an schweren Unfällen beteiligten Tyrrell Ford 002 (Stewart fährt bereits den 005), die die Mechaniker lange nicht in den Griff bekommen. Die Rivalen kommen sich nicht nur bei 300 km/h sehr, sehr nahe.
Mike Beuttler, in Kairo geborener Brite, Grand Prix Pilot im March Team von 1971 bis 1973, beendete in Watkins Glen 1973 nach dem Rückzug seiner Sponsors seine Karriere. Wie er danach gelebt hat, wo er gearbeitet hat und vieles andere mehr, entzieht sich weitestgehend unserer Kenntnis. Grand Prix Piloten gehen nach Abschluss ihrer aktiven Laufbahn in der Regel einer Vielzahl von öffentlichen Aktivitäten nach und werden nicht selten sehr, sehr alt, wie die Beispiele Fangio, Stuck oder Chiron zeigen.
Mike Beuttler hat das alles nicht geschafft. Als er kurz nach Weihnachten 1988 in San Franzisco starb, nur 48 Jahre alt, nahm kaum jemand Notiz davon und gerade diese Tatsache muss uns um so mehr betroffen machen.
Klaus Ewald
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