BAGDAD IN BADEN

Horror-Unfall von Kristensen, erster Audi-Sieg in Hockenheim durch Ekström seit fünf Jahren

Eine Woche vor Hockenheim wurde Tom Kristensen, Rekord-Le Mans-Sieger (er gewann insgesamt sieben Mal an der Sarthe), einst zusammen mit Jörg Müller  auch Michelin-Testfahrer für die Formel 1 gewesen, zum dritten Male in seinem Leben Vater; Lebensgefährtin schenkte ihm Sohn Oswald. Dann hatten er und die Kollegen Alexandre Premat, Adam Carroll und Susie Stoddart ein paar Tage später nur noch unglaubliches Glück, dass sie am Leben blieben. Bagdad lag plötzlich in Baden-Württemberg, die Parabolika auf der anderen Seite des Hockenheimer Motodroms wurde zum Kriegschauplatz: Ein Unfall, wie ein Bombenattentat, wie es in der Irakischen Hauptstadt bis zu vierzig Mal am Tag passiert. Genau 26 Sekunden nach dem Start brach nach der zweiten Kurve nach dem Start, im Linksknick, wo auch die DTM-Autos beginnen, bis auf 270 km/h zu beschleunigen, die Katastrophe los. Während Pole Sitter Bruno Spengler sich seinen Start total verdorben hatte und Martin Tomczyk im Red Bull Audi A4 die Führung übernommen hatte, berührten sich die Audi-Piloten Tom Kristensen und Timo Scheider ganz leicht. Während Scheider ungehindert weiterfahren konnte, drehte sich der Siemens A4 des Dänen unter grosser Rauchentwicklung mitten im Feld. Mika Häkkinen im AMG Mercedes konnte gerade noch um Zentimeter ausweichen, doch die nachfolgenden Alexandre Premat und Susie Stoddart sahen überhaupt nichts mehr. Der Franzose, der sein erstes DTM-Rennen überhaupt fuhr, rammte Kristensen midships, von hinten knallte die Schottin in das Heck des A4 und auch Adam Carroll war in die Kollision verwickelt. Tausende Kohlefaserteile flogen durch die Luft, wie in Jerez 1990 als beim Grand Prix von Spanien Martin Donnellys Lotus Lamborghini atomisiert wurde. Nur: DTM-Autos sind keine Grand Prix Rennwagen. Von aussen sehen sie aus, als könne man sie beim Autohändler kaufen, in Wirklichkeit sind sie aber eine Mischung aus Prototypen und billigem Formel-Rennwagen, von denen schon bei einem Unfall mit mittlerer Geschwindigkeit nicht viel übrigbleibt, wie einst der Unfall Peter Dumbrecks in Zandvoort mit einem Opel Vectra bewiesen hatte. Zwar sitzen die Fahrer in einer Sicherheitszelle aus Kohlefaser. Die aber ist weit offen und ist kein Formel 1-Monocoque; sind erst einmal die dünnen Teile der Karosserie weggesprengt, sitzt der Pilot im Freien wie in einem Go Kart - und kann von umherfliegenden Wrackteilen der anderen, an der Kollision beteiligten Fahrzeuge, ungehindert getroffen werden. Dass bis jetzt noch kein Fahrer in diesen Autos getötet worden ist, ist kein Beweis für deren Sicherheit, die sich die Offiziellen so gerne einreden. Kristensen musste von den Rettungskräften aus dem total zerstörten A4 befreit werden, während Premat recht schnell wieder auf eigenen Füssen stand. Stoddart, deren ganze linke Seite weggekracht war, wollte den Mercedes noch an die Box bringen, blieb dann aber auf der Strecke liegen und stand dann minutenlang geschockt neben ihrem demolierten Auto. Später in der Boxenstrasse konnte sie schon wieder lächeln, etwas gequält zwar noch und Deutsch hat sie inzwischen auch eine ganze Menge gelernt: Ich hoffe, die anderen Fahrer sind o.k. Es war ein grosser Unfall. Ich konnte nichts sehen, es war viel Rauch.  Adam Carroll hatte da bereits ein erstes Fernsehinterview gegeben und Audi-Sportchef Dr Wolfgang Ullrich, der mit Kristensen und Premat im Medical Centre des Hockenheimrings gesprochen hatte, gab Entwarnung: Beide Fahrer sind ansprechbar, werden aber für weitere, nach so einem Unfall übliche Untersuchungen in Kliniken verbracht. Fünf Stunden später kam aus den Spitälern von Mannheim und Ludwigshafen die gute Nachricht: Kristensen bis auf Prellungen unverletzt, Premat hatte einen Riss in einem Lendenwirbel, wird aber keine bleibenden Schäden davontragen.

War zunächst das Safety Car herausgekommen, so hatte sich die Rennleitung dann doch zum Abbruch mit der Roten Flagge entschliessen müssen. Das Rennen, ursprünglich auf 37 Runden angesetzt, wurde aufgrund der weltweiten Fernsehübertragung nun auf 40 Minuten reduziert; der Re-Start erfolgte, nach intensivem Blick in die Regelbücher 2007, fliegend hinter den Safety -Car. Ich sage jetzt schon, dass der Start entscheidend ist, war Niki Laudas Prognose schon beim ersten Start - und er sollte damit auch beim zweiten recht behalten. Martin Tomczyk, der Sohn des ADAC-Sportpräsidenten, im zweiten Red Bull A4 hielt die Führung bis Minute 35, dann hatte er Probleme mit den Reifen, fuhr in der Haarnadel geradeaus und wurde von Bruno Spengler und dem  Formel 3-Europameister 2006, Paul Di Resta (Startplatz 3 im 2005er Mercedes), überholt. Der Schotte, der wie Sir Frank Williams und Papst Benedikt am Montag, den 16. April, Geburtstag gefeiert hatte (seinen 21.), machte seine beiden Boxenstops erst gegen Ende des Rennens, und führte so lange Zeit das Feld mit dem Gebrauchtwagen an. Christian Abt schied nach Berührung mit dem neuen C-Klasse Mercedes von Bernd Schneider schon früh durch Radaufhängungsbruch aus. Aber zu einem Zeitpunkt, wo sämtliche Strategien über den Haufen geworfen waren, taktierte Mattias Ekström im ersten Red Bull Audi besonders clever, kam binnen sechs Runden zu seinen beiden Boxenstops herein und übernahm die Führung, als Di Resta (der beim ersten Halt seinem Motor abgewürgt hatte) sich  am Schluss mit seiner Taktik verspekuliert hatte und auf Platz 7 zurückfiel. Bruno Spengler hatte fünf Runden vor dem Fallen der Flagge keine Servolenkung mehr und zwang so bei der Verteidigung seines dritten Platzes den bereits überholenden Timo Scheider in der vorletzten Kurve in einen Dreher, wofür er nach der Siegerehrung von den Stewards eine 50 Sekunden-Zeitstrafe erhielt (gegen die Mercedes allerdings Berufung einlegte). Das Reglement 2007 sorgt bei der Gewichtsverteilung der Jahrgänge (2007: 1070 Kilogramm, 2006: 1060, 2005: 1030) für eine extreme Leistungsdichte, auch Fahrer älterer Autos haben jetzt Chancen auf vordere Plätze. Zu spüren kam dies vorallem die 2007er Mercedes-Piloten Bernd Schneider und Mika Häkkinen, die sich in Hockenheim kaum profilieren und als Titelkandidaten empfehlen konnten. Wie am Grand Prix Sport deutet sich auch in der DTM ein Generationswechsel an; für Niki Lauda ist der junge Paul Di Resta Hamilton-ähnlich. Die neuen Standard-Reifen von Dunlop sind über die Distanz haltbarer, aber auch diffiziler zu handeln. Im Ziel war Dr Ullrich nicht nur über der Doppelsieg seiner Piloten Ekstöm und Tomczyk, dem ersten Triumph von Audi in Hockenheim seit fünf Jahren, erleichtert, sondern auch über den Gesundheitszustand seiner beiden Havaristen: Extreme Tiefen, exrteme Höhen, das war schon intensiv.

Hockenheim sah Ende April 2007 so viel V.I.P.s wie sonst nur der Grand Prix von Monaco: Fussballer, Boxer, Schauspieler und Sänger. Abgewunken hat das Rennen mit der karierten Flagge dann eine bezaubernde junge Dame: Bettina Zimmermann hatte einst ihre Karriere mit einem pechschwarzen Hund in der berühmten Lycos-Internet-Werbung begonnen. 2006 spielte sie die Hauptrolle im wichtigsten deutschen Spielfilm des Jahres. Der Titel: Die Luftbrücke.

Klaus Ewald

 

 

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