Über sieben Brücken musst du gehen, sieben dunkle Jahre üpberstehen - nie war der Song der Band Karat aus der Gott sei dank seit zwei Jahrzehnten offengelassenen DDR, später im Westen von Peter Maffay erst so richtig populär gemacht, so aktuell wie am vorletzten Oktoberwochenende 2008. Timo Scheiders Karriere war mit dem Rückzug des krisengeschüttelten Unternehmens Opel aus der Deutschen Tourenwagen Masters fast den Bach heruntergegangen. Nur mit Mühe hatte er hernach bei Audi andocken können, aber insgesamt hat er, nurmehr bald dreissig Jahre alt, diese Metapher sei an dieser Stelle erlaubt, sieben Jahre so richtig Gras und Eisen gefressen. Für einen jungen Mann, mit seiner bezaubernden Lebensgefährtin Jasmin Rubatto inzwischen Vater eines noch recht kleinen Jungen, ist das keine Selbstverständlichkeit. Deutschland, diese grosse Natio im Herzen Europas - aufgrund der furchtbaren Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch immer ohne richtiges Nationalbewusstsein, hat seine Helden, im Sport, in  Wissenschaft, Politik und Kunst oder gar beim Militär, immer erst hochgejubelt, um sie dann auf äusserst unfaire Art und Weise  zu demontieren. Boris Becker hat dies erfahren müssen. Franz Beckenbauer. Sogar Helmut Schmidt. In einer Gesellschaft, in der das Mittelmass den Gang der Dinge bestimmt und nicht das Tun der  Eliten, ist das auch nicht weiter verwunderlich. Zum Sieger wird man geboren; es spielt dabei keine Rolle, ob man im einem Schloss zur Welt kam oder in einem Slum. Charisma kennt keine wie auch immer gearteten Grenzen. Timo Scheider entstammt der Mittelschicht, sein Vater betreibt, eine Autostunde vom Nürburgring entfernt, ein Fahrschule und fuhr einst selbst Tourenwagenrennen. Die Verlobte Jasmin war einst, in einem Markenpokal, selbst in einem Tourenwagen- Cockpit gesessen und natürlich ist sie die Tochter des legendären Superbike-Piloten Peter Rubatto. Die Rivalen in der DTM 2008 konnten unterschiedlicher nicht sein können. Paul di Resta, Schotte wie Jim Clark, Sir Jackie Stewart und David Coulthard, war Formel 3-Europameister 2006, hat mit seinen 22 Lebensjahren ganz konkrete Grand Prix-Ambitionen, die er vor Hockenheim durch ausgiebige Tests in Silverstone mit einem McLaren Mercedes MP4/23 unterstrich. Die DTM betrachtet er folglich als Zwischenstufe und nicht wie Scheider als Ziel seiner Karriere.

Scheiders dritter Startplatz hinter Mattias Ekström und Paul di Resta  beim alles entscheidenden Finale liess nicht gerade Euphorie aufkommen. Doch dann gelang dem Deutschen ein Bilderbuch-Start, wie es in der Formel 1 sonst nur Denny Hulme, Jean-Pierre Beltoise oder David Coulthard schafften - es war der Schlüssel zu Sieg und Titelgewinn. In der Abt-Box war Jasmin wieder einmal mit den Nerven am äussersten Limit. Auf dem Zielstrich trennten den Abt-Audi und den AMG-Mercedes drei Sekunden. Di Resta  war  von Vorjahres-Meister Ekström in der Anfangsphase des Rennens berührt worden, im Gegensatz zum Formel-Sport mit seinen freistehenden Rädern keine lebensgefährliche,  sondern eine durchaus übliche Aktion. Doch die C-Klasse war dabei leicht beschädigt worden; der Schwede erhielt von den Stewards eine 3-Sekunden-Strafe, abzusitzen beim Boxenhalt und später schimpfte di Resta auf seiner Homepage: Unfair und unprofessionell.

Flaggen, wo immer man hinsah, bengalische Lichter und Feuerwerksraketen, so feiert Hockenheim seine Sieger. Das Motodrom mit seiner Stadion-Atmosphäre,  einst dem Brickyard von Indianapolis nachempfunden, ist nach dem signifikanten Umbau der Strecke durch den deutschen Star-Architekten Hermann Tilke noch faszinierender geworden. Bernd Schneider, mit 44 Jahren weiss Gott kein alter Mann in diesem Sport (in diesem Alter hatte Sir Jack Brabham 1970 mit dem jungen Helden Jochen Rindt noch um die Formel 1-Weltmeisterschaft gekämpft), nahm heuer Abschied nicht nur von der DTM, sondern von der aktiven Teilnahme am gesamten Motorsport, der für ihn zwei Drittel seiner Zeit, insgesamt 25 lange Jahre lang, die Bühne seines Lebens gewesen war. Zwei traurige  Formel 1-Jahre bei Zakspeed, ein Gaststart für Arrows für den verletzten Alex Caffi in Phoenix, dann 17 Jahre die grosse Karriere im Tourenwagen immer bei AMG Mercedes: Kein Pilot hat mehr Siege und Titel errungen als der Mann aus dem Saarland nahe der Grenze zu Frankreich. Nur bei der Gesamtzahl der Punkte führt Klaus Ludwig. Danke Bernd - für viele der 165 000 nach Hockenheim gekommenen Fans ist das Idol einer ganzen Generation, auch wenn er Anfang 1991 bei Jordan seine dritte, am meisten aussichtsreiche Chance im Grand Prix-Sport durch unglückliche Umstände nicht nutzen konnte. Ein halbes Jahr später fuhr ein anderer Deutscher, da schon mit Unterstützung durch Mercedes-Benz, die Green Mashine namens Jordan Ford 191 - allerdings nur ein einziges Mal. Es war Michael Schumacher.

 

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