"... BESSER ALS FORMEL 1."

Es war wie fast wie in Zeltweg 1964 bei eben jenem allerersten Grand Prix von Österreich, ausgetragen auf  dem berühmten Militärflugplatz hoch in den steirischen Alpen: Die Streckenbegrenzung bestand aus Strohballen, die Tribüne bei Start und Ziel war aus Stahlrohren aufgebaut wie bei irgendeinem Reitturnier in der Provinz, in den improvisierten Boxen stand auf Papptafeln, wo welches Team hingehörte und die Zuschauer standen hinter rot-weiss-roten Absperrungen ohne wirklichen Schutz vor den vorbeifahrenden Rennwagen. Lorenzo Bandini im Ferrari gewann den einzigen Grand Prix seiner Karriere und in Rob Walkers Brabham B.R.M. debütierte ein junger Mann aus Graz, den noch heute Millionen Menschen in aller Welt verehren: Der James Dean der Formel 1 - Jochen Rindt.

Die Idee der Flugplatzrennen stammt aus Grossbritannien. Gleich nach Kriegsende wurden die vielen Stützpunkte der Royal Air Force überflüssig, der Staat verkaufte die Flugplätze so schnell, wie er es mit dem überzähligen Kriegsmaterial getan hatte, weil er das Geld für die Beseitigung der Schäden brauchte, die die Hitlers Luftwaffe namentlich in Städten wie London oder Coventry angerichtet hatte. Silverstone, nahe der alten Industriestadt Northampton rund 100 Meilen nördlich von London gelegen, konnte von der Nazi-Terrorwaffe V2 nicht erreicht werden; von dort starteten die Spitfire-Jäger und Lancester-Bomber zum Feindflug auf Deutschland. Einer der vielen RAF-Ingenieure jener Zeit war übrigens ein gewisser Ken Tyrrell. Silverstone und in der Folge auch Thruxton, um nur die berühmtesten zu nennen, wurden schon kurz nach Kriegsende Austragungsort vieler berühmter Rennen; in Silverstone begann mit dem Grand Prix von Europa am 13. Mai 1950 die Formel 1-Weltmeisterschaft und Ende der fünfziger Jahre löste Grossbritannien die grossen kontinentalen Konstrukteurländer Frankreich, Deutschland und Italien an der Spitze des internationalen Motorsports ab. In der alten Bundesrepublik Deutschland, wo nach dem Le Mans-Unglück 1955 und Rückzug von Mercedes-Benz am Ende des gleichen Jahres sowie dem Todessturz des Grafen Berghe von Trips in Monza 1961 das Betreiben von Motorsport als nahezu asozial galt, gab es viele Jahrzehnte nur den Nürburgring und Hockenheim als permanente Rennstrecken, dazu kamen die Stadtkurse in Nürnberg (Norisring) und später der Alemannenring in Singen. Neubauten kamen, weil politisch nicht durchsetzbar,  über reine Ideenstudien nicht hinaus. Deutsche Meisterschaften, sei es bei den Tourenwagen oder in der Formel 3, konnten auf diesen beiden Kursen allein, auch bei mehrfacher jährlicher Benutzung, nicht ausgetragen werden, die Zahl der Auslandsstarts ist von der F.I.A. auf jeweils einen pro Jahr und Meisterschaft  limitiert. Erst bezog man viele der zahlreichen Bergrennen in den Austragungsmodus mit ein, dann gab es eine neue Möglichkeit: Deutschlands meist in ländlicher Region gelegene kleine Flugplätze, teils als Regional- oder Sportflughäfen, teils militärisch genutzt. Der Fliegerhorst Wunstorf bei Hannover, Diepholz in der Nähe von Bremen,  Mainz-Finthen, Mendig in der Eifel und Kassel-Calden in Nordhessen brachten in den sechziger und siebziger Jahren der deutschen Motorsport-Szene jene so dringend benötigte Infrastruktur, die beispielsweise in Frankreich durch den staatlich geförderten Bau von permanenten Rennstrecken geschaffen wurde. In der Übergangszeit  der Wiedervereinigung kamen vorübergehend  noch Lahr und Zweibrücken hinzu. Österreich hatte ursprünglich die Flugplatzkurse in Wien-Aspern, Tulln-Langlebarn und Zeltweg, wo dann Ende der sechziger Jahre unter dem Eindruck des von Jochen Rindt ausgelösten Motorsport-Booms mit dem Österreichring die erste permanente Rennstrecke des Landes gebaut wurde. Der Salzburgring folgte wenig später. Als im Rahmen des Aufbauprogramms Ost in Oschersleben und Klettwitz (EuroSpeedway Lausitz)  mit erheblichem finanziellen Aufwand grosse permanente Rennstrecken in den neuen Bundesländern gebaut wurden, die dann  auch ausgelastet werden mussten, war es ganz schnell vorbei mit den Flugplatzkursen im Westen Deutschlands.

Die Technorama Classics in Hildesheim knüpft an die Tradition der grossen Flugplatzrennen  und für das Ambiente gibt es nur ein Wort: Einzigartig. Das ist es, wie die Fans Motorsport erleben wollen: Strohballen und der faszinierende Sound von Gespannen und Solo-Maschinen. Ein offenes Fahrerlager, Bier aus der Dose und Bratwurst vom Holzkohle-Grill. Der Capri RS, mit dem einst Glemser, Mass, Stewart und Fittipaldi gefahren waren, neben dem Trabbi, dem Renn-Käfer oder dem Formel Easter des legendären Uli Melkus aus Dresden. Da waren der berühmte REX-2-Liter-Sportwagen von Harald Ertl, einige Formel V und noch mehr Formel Ford, dazu die berühmten Rennzwerge von Abarth, einige der noch immer aufregenden NSU TT und vieles andere mehr. Da standen Alt-68er und Easy Riders neben dem Millionär mit dem Porsche Cayenne, Familien mit Babies und Schulkindern  waren ebenso anwesend wie Oma und Opa mit der Isetta aus Ludwig Erhards Wirtschaftswunder-Jahren.  Auf dem Parkplatz  stand der Goggo  neben dem Rolls Royce. Auf der anderen Seite gab es bereits die tollen Motorhomes, die Mitte der achtziger Jahre in  in den Grand Prix Sport Einzug hielten. Zuvor war ein simpler Caravan der Gipfel des Komforts für die Starpiloten der sechziger und siebziger Jahre gewesen. Die Idee der Technorama Hildesheim ist einfach genial, die Mischung aus Oldtimermesse, Ersatzteilmarkt und Flugplatzrennen müsste erfunden werden, gäbe es sie nicht schon. Dies ist um so bemerkenswerter, als es sich bei dem Veranstalter nicht um einen der grossen Automobilclubs, sondern um die private Messegesellschaft MEMA aus Ulm handelt. Ganz unten, bei der ersten Schikane, dort wo Motorräder wie Autos gleichermassen zum Greifen nahe waren, stand ein kleiner Junge mit seinem Vater am Pistenrand und war ganz fasziniert: Papa, das ist doch viel besser als Formel 1 im Fernsehen.

Klaus Ewald

 

 

 

www.technorama.de

 

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